Die Wirbelsäule des Musikers
Am 16. Juni 2001 fand das 3. Symposium der Deutschen Gesellschaft für Musikphysiologie und Musikermedizin (DGfMM) zum Thema: "Die Wirbelsäule des Musikers" statt.
Das interessante Tagungsprogramm wurde vom Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Musikphysiologie und Musikermedizin Prof. J. Blum / Mainz sowie dem Institutsdirektor des Instituts für Musikpädagogik und Musiktheorie, welches dem Lehrbereich Musikphysiologie und Musikmedizin angegliedert ist Prof. E. Lange / Weimar, eröffnet.
In einem Einführungsvortrag schilderte Prof. J. Blum / Mainz die Epidemiologie von funktionellen, strukturellen Erkrankungen der Wirbelsäule bei Orchestermusikern und hob hierbei die Bedeutung der Arbeitsplatzsituation sowie die Ergonomie des Instrumentes für die Beurteilung der Erkrankung der Wirbelsäule hervor. Prof. H. Ch. Scholle / Jena führte die Bewertung der Beanspruchung im Bereich des Rückens unter neurophysiologischen Aspekten durch, wobei er vorrangig auf die neusten Erkenntnisse der Muskelstruktur im Bereich der Wirbelsäule hinwies und dabei einen Ausblick für die weitere Diagnostik und Therapie von Wirbelsäulenbeschwerden gab. Prof. E. J. Seidel und St. Conradi / Weimar gaben einen Überblick über die funktionelle Diagnostik der Wirbelsäule bei Musikern, hier vor allen Dingen in bezug auf Instrument sowie die Untersuchung der Wirbelsäule in einer Arbeitsplatzsituation bei Orchestermusikern und Pianisten. Diese funktionelle Diagnostik ist insofern von enormer Bedeutung, da sie einen wesentlichen Einfluss auf Therapiekonzepte und Arbeitsplatzberatung bei Musikern hat. Über einen insgesamt wichtigen Faktor des Aspekts "Wirbelsäule des Musikers" referierte Prof. H. Möller / Berlin. Er stellte somatoforme Störungen im Bereich der Wirbelsäule, unter besonderer Berücksichtigung von Orchestermusikern vor. Nach einer angeregten Diskussion, wo es um Praktikabilität der dargestellten Untersuchungsverfahren und Umsetzung in Therapie? und Rehabilitationspläne ging, fand anschließend eine mehr Methoden orientierte Vortragsfortsetzung statt. Dipl. Mus. J. Mehlhorn / Dresden und PD Dr. U. Reinhard / Beyreuth berichteten über eine Evaluierung der Feldenkrais ? Methode und der Alexander ? Technik in der Prävention und Therapie von Wirbelsäulenbeschwerden bei Pianisten. Die Arbeitsgruppe Prof. S. Kopp*, Prof. E. J. Seidel**, Prof. U. Smolenski*, P. Günther**, G. Dietze** / *Jena - **Weimar berichtete über Besonderheiten des cervicocranialen und craniomandibulären Systems unter besonderer Beachtung der Problematik bei Musikern (Bläser, Streicher) Dr. K. Müller, R. Schwesig, S. Becker / Halle führten dann in die Grundprinzipien der Bewegungstherapie bei Wirbelsäulenerkrankungen ein und wiesen dabei auf die Bedeutung aktiver Maßnahmen hin. Einen wichtigen Aspekt bei Musikern hob Dr. J. Plath / Rostock zum Ende des Vormittagsprogramms hervor. Er berichtete über die Konstitution der Hypermobilität bei Musikern mit der Fragestellung: Talentbedingung oder pathognomonischer Nachteil?
Begleitet wurde das Symposium von
einer interessanten Diskussion zum Thema: "Therapeutische Fragestellungen".
Nach bisherigen Kenntnisstand ist eine optimale Körperhaltung am Instrument,
die ausdruckstarkes Musizieren ermöglicht unabdingbar für jeden Musiker, da
hier langfristig die Entstehung muskulärer Dysbalancen, segmentale Funktionsstörungen,
Störungen der Sensomotorik und nicht zuletzt Störung des gesamten Stereotyps
vorgebeugt werden. Hierbei wurden die von den verschiedenen Referenten vorgestellten
Therapiekonzepte diskutiert: Alexander?Technik Fähigkeit, gewohnheitsmäßige
Haltung und unkontrollierte motorische Abläufe aufzuspüren und sich gegen deren
Weitergebrauch zu entscheiden. Feldenkrais?Methode Sensibilisierung bezüglich
der Wahrnehmung körperlicher Haltung und Bewegungsabläufe. Sensomotorische Fazilitation
(SMF) nach Janda: Verstärkung des afferenten Zuflusses zum ZNS, wodurch die
Automatisierung der unter der Übung korrigierten Haltungs- und Bewegungsabläufe
erleichtert wird. Fazit der Diskussion war, dass keines von den oben genannten
Therapiemitteln allein von Therapeuten zu favorisieren ist, da jede einzelne
darauf abzielt, eingefahrene Bewegungsabläufe bewusst zu machen, sie zu verändern
bzw. neue ungewohnte Bewegungen auszuprobieren und sie in das motorische Repertoire
zu integrieren. Hieraus sollte eine größere Flexibilität bei der Auswahl von
Haltungs? und Bewegungsprogrammen resultieren und in diesem Zusammenhang auch
eine größere Beweglichkeit im Denken und im motorischen Lernen des Therapeuten
initiieren. Da umfangreiche, größere Studien zu den einzelnen Konzepten der
Bewegungstherapie fehlen, sind diese weiterhin vom Therapeuten, als auch vom
betreuenden Musikermediziner kritisch zu hinterfragen und einzusetzen. Nach
der Mitgliederversammlung der DGfMM fand ein Arbeitstreffen aller Lehrbeauftragten
für Musikermedizin und Musikphysiologie an Musikhochschulen Deutschland statt.
Es wurde ein Curriculum verabschiedet, welches in der Zeitschrift "Musikermedizin
und Musikphysiologie" veröffentlicht wurde. Als obligatorische Lehranforderung
im Grundstudium an Musikhochschulen haben einige Hochschulen dieses Curriculum
bereits umgesetzt. Der Tag klang mit einer praktischen Demonstration von Wirbelsäulen-Meßverfahren
(Zebris/Orthoson) am Klinikum Weimar aus. Zum Symposium wird ein Tagungsband
in der Reihe des Instituts für Musikpädagogik und Musiktheorie der Hochschule
für Musik "FRANZ LISZT" Weimar erscheinen und ist unter
seidel@pdes.de zu bestellen.